Der neue STV-Spitzensportchef David Huser im Interview

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Text: Oliver Dütschler, 31.03.2021

Fotos: STV / Medienabteilung

Die ganze Schweiz schaut auf diesen Mann: David Huser wird (34) neuer STV-Spitzensportchef! Er ist seit neun Jahren Spitzensportchef des Aargauer Turnverbandes und wird ab 1. Juli seine Funktion antreten. Das erste Interview nach der Kommunikation dieses wichtigen personellen STV-Entscheids gab er SwissRG.

SwissRG: David Huser, wir gratulieren Ihnen zu Ihrer neuen Position als Spitzensportchef beim STV. Wie geht es Ihnen?

Danke, mir geht es sehr gut! Auch wenn sich die sportliche Lage aufgrund der Corona-Pandemie derzeit schwierig gestaltet. Meine Vorfreude auf diese Herausforderung ist riesig. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um mich bei der Geschäftsleitung und dem Zentralvorstand für das entgegengebrachte Vertrauen zu bedanken.

 

SwissRG: Was ging Ihnen durch den Kopf als Sie den Anruf kriegten, dass Sie der neue Spitzensportchef sind?

Ich war zuhause im Homeoffice als der Anruf kam. Ich bin stolz die neue Herausforderung beim STV in Angriff nehmen zu dürfen. Ich sehe mich wortwörtlich als Dienstleister – Dienen und Leisten. Was ich damit meine: Ich möchte die besten Voraussetzungen schaffen, damit die Athletinnen und Athleten in Ruhe arbeiten und in Zukunft weitere sportliche Erfolge feiern können.

 

SwissRG: Was haben Sie den von der Schweizer Rhythmischen Gymnastik schon wahrgenommen? Kennen Sie einzelne Gymnastinnen? Welches sind die grössten Mängel, die man beheben muss?

Ich komme aus dem Kunstturnen, hatte aber bereits mit vielen Personen einen spannenden, professionellen und sehr konstruktiven Austausch über die anderen Sportarten im STV – das gilt auch für das Ressort Rhythmische Gymnastik. Die negative Berichterstattung über die Rhythmische Gymnastik in den letzten Monaten hat mich sehr betroffen gemacht. Wichtig ist es, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die richtigen Schlüsse daraus für die Zukunft zu ziehen. Meine Aufgabe ist es, nach vorne zu blicken und zu gestalten – dafür gebe ich mein Bestes. Ich werde alles versuchen, um weitere sportliche Erfolge möglich zu machen und die Athletinnen und Athleten in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern und zu unterstützen.

 

Swiss RG: Welche Rolle spielt für Sie die Rhythmische Gymnastik im STV? Wie haben Sie die RG bisher verfolgt? Haben Sie sich vielleicht auch etwas dabei gedacht, was da zu tun wäre?

Erstmal müssen wir das Spitzensportkonzept erarbeiten. Die Rhythmische Gymnastik ist ein wichtiges Puzzlestück dieses Konzepts. Zum jetzigen Zeitpunkt kann und möchte ich aber noch nicht mehr dazu sagen. Ich möchte unvoreingenommen in den Entscheidungsfindungsprozess gehen und mir in einem ersten Schritt einen Gesamtüberblick verschaffen. Eine Sache möchte ich aber festhalten: In den vergangenen Monaten wurde der STV in der Öffentlichkeit schlechter dargestellt als er in Tat und Wahrheit ist.

 

SwissRG: Hat der Reiz der Position des Spitzensportchefs und der Name STV ausgereicht, um sie zu überzeugen oder musste Béatrice Wertli auch ein paar Argumente anbringen, um Sie zu überzeugen diese sehr schwierige Aufgabe anzunehmen?

Ich hatte sehr gute Gespräche mit Béatrice Wertli und dabei habe ich sehr schnell gespürt, dass wir die gleiche Vision und dieselbe Vorstellung haben, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen möchten. Diese Sozialkompetenz hat mich zusätzlich motiviert, meinen Beitrag für den STV zu leisten. Jetzt müssen wir uns an die Arbeit machen, Gas geben und das Schiff STV wieder auf Kurs bringen. Dafür muss aber zuerst Ruhe einkehren. Ausserdem möchte ich die Athleten ins Zentrum stellen. Dabei stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie können wir den Athleten helfen, besser zu werden? Sie sind das wichtigste Gut, welches wir haben. Ich habe sehr schnell bemerkt, dass Béatrice Wertli und ich in diesem Punkt dieselbe Sprache sprechen.

 

SwissRG: Gibt es Trainerschule, in der Sie sich in irgendeiner Weise zugehörig fühlen oder gibt es aktuell Trainer oder Funktionäre, die Sie besonders interessant finden oder vielleicht sogar für besonders zeitgemäss halten – an denen Sie sich vielleicht trotz all ihrer Erfahrung sogar orientieren würden?

Dazu habe ich eine klare Meinung. Ich bin gegenüber allen 3 Spitzensportarten im STV (Anm. d. Red. Kunstturnen, Rhythmischen Gymnastik, Trampolin) völlig unabhängig und unvoreingenommen. Alles andere wäre unprofessionell. Wir sollten zudem aus den internationalen Trainingsschulen überall das herauspicken, was für uns die beste Lösung ist – wir müssen unseren eigenen Schweizer Weg finden. Es geht darum die einzelnen Steinchen zu einem Mosaik zusammenführen. Ich bin überzeugt, dass dies gelingt, wenn sich alle Funktionäre, Trainer und Athleten dafür einsetzen.

 

SwissRG: Ist das die grösste Herausforderung, die bisher angenommen haben?

Ja definitiv – und ich freue mich darauf.

 

SwissRG: Ihre Aufgabe wird es u.a. sein, den Neuanfang in der Rhythmischen Gymnastik vor den Augen von Bundesbern und der gesamten Schweiz voranzutreiben. Wie wollen Sie es anpacken?

In einer ersten Phase geht es wie erwähnt darum, das Spitzensportkonzept neu zu erarbeiten. Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit, bei der wir die Weichen für die Zukunft stellen. Damit werde ich bereits vor dem 1. Juli mit meinem neuen Team beginnen. Dann möchte ich mich mit dem Trainerteam und den Athleten austauschen, der Umgang mit Menschen ist mir sehr wichtig. Durch meine neun Jahre beim Aargauer Turnverband, dem zweitgrössten kantonalen Turnverband hierzulande, war ich stets im Austausch mit dem STV und hatte einen guten Einblick, nichtsdestotrotz wird es eine Herausforderung. Ich glaube es ist wichtig einzutauchen, sich auszutauschen und versuchen sich zu verstehen – danach können wir Schritt für Schritt an die Umsetzung gehen.

 

SwissRG: Was sagen Sie ihren Kritikern und Zweiflern, die sagen, das Herzblut von David Huser fliesst primär fürs Kunstturnen und er kennt die RG kaum?

Ich sage ihnen, dass ich mich mit grossem Engagement und viel Herzblut für den Schweizer Turnsport einsetzen werde. Ich werde mit den Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, mein Bestes geben. Mich stört bei dieser Diskussion aber, dass versucht wird, die Turnsportarten gegeneinander auszuspielen. Es spielt keine Rolle, ob Kunstturnerin, Rhythmische Gymnastin oder Trampolinspringerin - es ist der Mensch, der mich interessiert. Das Wichtigste ist, dass der Mensch ins Zentrum gestellt wird.

 

SwissRG: Wie werden Sie die RG in Ihrer neuen Herkules-Aufgabe, das Einzel neben der Gruppe zu fördern, unterstützen und fördern?

Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich diesem Thema nicht vorgreifen kann und möchte. Ich werde sicher ganz offen und unvoreingenommen in den Prozess eintauchen und in die Entscheidungsphase gehen.

 

Swiss RG: Wie sind Sie in der Menschenführung – sind Sie eher der harte Hund oder sind Sie auch ein Chef, der seine Mitarbeiter auch in den Arm nehmen kann?

Dazu müsste man wohl alle Mitarbeiter im Aargauer Turnverband befragen (lacht). Ich kann sehr gut zuhören und versuche zu verstehen. Meine Türen sind immer offen für Gespräche. Ich finde es wichtig, dass man im Austausch ist, nur dann kann man verstehen, wenn Entscheidungen fallen. Entscheidungen müssen gefällt werden, auch wenn es nicht immer einfach ist, in einer neuen Phase vorauszugehen. Bezogen auf Ihre Frage bin ich dann wohl eher der Typ, der den Mitarbeiter auch mal in den Arm nehmen kann – auch wenn das in der aktuellen Zeit mit Social Distancing eher schwierig ist…

SwissRG: Würden Sie eine Abschaffung der olympischen Sportart Rhythmische Gymnastik, die es sogar in 'Zwergstaaten' wie San Marino oder Andorra gibt, auch als persönliches Scheitern verstehen?

Nochmals: Die Rhythmische Gymnastik ist mir und dem STV wichtig. Die ergebnisoffene und professionelle Ausarbeitung des neuen Spitzensportkonzepts wird zeigen, wohin uns der Weg in der Rhythmischen Gymnastik führen wird. Meine Aufgabe als Chef Spitzensport ist es Voraussetzungen zu schaffen, damit wir mit einem Schweizer Weg erfolgreich sein können. Dies ist auch mein persönliches Ziel.

 

SwissRG: Die Hoffnungen der arg gebeutelten und vom STV jahrelang vernachlässigten RG ruhen nun auf Ihnen. Dürfen aufstrebende RG-Talente auf Sie zählen?

Ich bedaure, was vergangenes Jahr geschehen ist. Es macht mich traurig und betroffen. Wir können die Vergangenheit aber nicht mehr ändern. Wir haben aber die Möglichkeit, die Zukunft auf eine positive Art und Weise neu zu gestalten. Sobald geklärt ist, wie das Spitzensportkonzept aussieht resp. dieses von den Regionen und vom STV mitgetragen wird, verspreche ich, dass ich diese Frage aber mit einem klaren «Ja» beantworten werde.

 

SwissRG: Welche Botschaft möchten Sie den Gymnastinnen zukommen lassen?

Ich bin offen und gehe völlig unvoreingenommen an die Arbeit. Ich freue mich, die Athletinnen und Athleten kennenzulernen und mit Ihnen diesen Weg gehen zu dürfen.

SwissRG: Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Huser! Wir wünschen Ihnen viel Glück und Erfolg bei Ihrer spannenden Aufgabe.

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